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Nur ein Missverständnis?


Creditreform Magazin, 04.01.2010


Die Finanzkrise, so scheint es, führt zu immer neuen (oder alten?) Irritationen zwischen Bank und Kunde.

Fast schon traditionell führt Robert M. als Alleingesellschafter seines Handwerksbetriebes die Kreditgespräche mit seiner Hausbank zweimal im Jahr. Durch die langjährige Verbindung handelte es sich bisher um Veranstaltungen mit fast schon freundschaftlichem Charakter. Beide Geschäftspartner wissen offenbar, was sie voneinander zu halten haben, so dass eventuelle Meinungsunterschiede bislang ohne Ausnahme jeweils schnell geklärt werden konnten.

Bislang zumindest – denn das letzte Gespräch wurde vor einigen Wochen erstmals nicht nur mit dem für M. zuständigen Kundenberater, sondern auch mit dem für das Kreditgeschäft verantwortlichen Bereichsvorstand der Volksbank geführt.

Der Grund für diese Vorstandspräsenz war schnell geklärt: Zum ersten Mal überhaupt wurde die aus Sicht der Volksbank "unbefriedigende Eigenkapitalsituation" des Handwerkbetriebes thematisiert. M., der mit diesem Tagesordnungspunkt überhaupt nicht rechnete, war zunächst natürlich völlig überrascht und konnte den beiden Bankmitarbeitern erst einmal nicht so recht folgen. Diese führten im Verlauf des Gesprächs aus, dass sich durch die Wirtschaftskrise "eben auch die Kreditvergaberichtlinien unseres Hauses verändert haben" und "wir ab sofort vor allem auf eine kontinuierlich steigende Eigenkapitalquote unsere mittelständischen Kunden achten müssen".

Damit nicht genug: Bei einem unbefriedigenden Eigenkapitalaufbau müssen Kunden wie M. im "günstigsten Fall" mit höheren Kreditzinsen rechnen. Auf die Frage von M., was im "ungünstigsten Fall" passieren würde, erheilt er keine konkrete Antwort. Erst auf sein hartnäckiges Nachfragen hin teilte ihm der Bankvorstand mit, dass "durchaus auch Kreditkürzungen sowie die Ablehnung von Neukrediten möglich seien".
 

Erstaunen über die Hausbank

M., der sich mittlerweile von seiner Überraschung erholt hat, ging nun seinerseits zum verbalen Angriff über und beschwerte sich zunächst über die Art und Weise des Vorgehens seiner Hausbank. Nach seiner Meinung hätte man ihn vorab telefonisch von diesem Themenschwerpunkt in Kenntnis setzen müssen, so dass er sich mit Hilfe seines Steuerberaters darauf professionell hätte vorbereiten können.

Zur Sache selbst erinnerte er sich an diverse Gespräche in den vergangenen Jahren, in denen dieses Thema zumindest am Rande sowohl von ihm selbst als auch bankseitig angesprochen wurden. Jedes Mal, und daran konnte er sich genau erinnern, wurde zwar die Bedeutung eines angemessenen Eigenkapitals keineswegs geleugnet – eine entsprechende Pflicht zu einem kontinuierlichen Aufbau auf möglichst hohem Niveau stand aber niemals ernsthaft zur Debatte.

Im Gegenteil: Durch die relativ hohen stillen Reserven im Betriebsvermögen von M. war die Bank sogar bereit, sich zu Gunsten einer möglichst geringen steuerlichen Ertragsbelastung mit einem eher bescheidenen Eigenkapitalzuwachs zufrieden zu geben. Da er seitens seiner Bank bis zum aktuellen Gespräch nichts Gegenteiliges hörte, ging M. von einer unveränderten Haltung seines Kreditgebers aus.

Mit diesen Erläuterungen konfrontiert, gaben sich die Gesprächspartner zunächst zurückhaltender. Dennoch bestanden sie darauf, von M. "möglichst zeitnah" einen Vorschlag zu erhalten, um "dieses Problem mittelfristig in den Griff zu bekommen". M., der sich mit dieser einseitigen Forderung nicht zufrieden gab, bestand nun seinerseits darauf, die Bank mit ins Boot zu nehmen. Immerhin, so argumentierte er, sei sie für diese Situation ja schließlich mitverantwortlich.
 

Konstruktives Ergebnis

Im Ergebnis verständigten sich beide Parteien letztlich darauf, auch zukünftig an einem Strang zu ziehen und die Angelegenheit gemeinsam anzugehen. Als erster Schritt wird ein kurzfristig zu terminierendes Gespräch zwischen M., seinem Steuerberater und dem für ihn zuständigen Bankmitarbeiter stattfinden, in dem festgelegt werden soll, in welchem Umfang und mit welcher Geschwindigkeit ein Eigenkapitalaufbau in den nächsten Jahren überhaupt möglich ist und welche Voraussetzungen dazu zu schaffen sind. Es wurde ausdrücklich verabredet, dass beide Seiten ihre eigenen "Hausaufgaben" zu erledigen und entsprechende Vorschläge einzubringen haben.
 

Stichwort: Eigenkapitalquote als Bonitätsfaktor

Es ist zu befürchten, dass die Wirtschaftskrise bei Mittelbetrieben zu einer Verringerung des in den Vorjahren zum Teil mühsam aufgebauten Eigenkapitals führen wird.

Da Bankinstitute häufig Rating-Verfahren einsetzen, bei denen die Eigenkapitalquote eine bedeutende Rolle als Bonitätsfaktor spielt, sollten Betriebsinhaber mit ihrem Kreditgeber verbindlich klären, wie sie sich aus dieser Zwickmühle zwischen Eigenkapitalanforderungen einerseits und Liquiditätsengpässen andererseits wieder befreien können.

Möglich sind beispielsweise Finanzierungsalternativen wie Mezzanine-Finanzierungen oder auch interne oder externe Beteiligungen.


aus "Creditreform – das Unternehmermagazin aus der Verlagsgruppe Handelsblatt",
Autor: Michael Vetter



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