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Mangelnder Durchblick

Creditreform Magazin, 09.02.2012


Welche Überraschungen das betriebliche Rating für Unternehmer auch heute immer noch bereithält, zeigt der folgende Praxisfall.

Neben diversen betrieblichen Darlehen sowie einem langfristigen Immobilienkredit nimmt Gerhard K. seit Jahren den Überziehungskredit auf seinem Geschäftskonto in Anspruch. Bei einem Kreditlimit von 150.000 Euro, das er aufgrund seines mit den Lieferanten abgestimmten Zahlungsverhaltens fast immer vollständig ausnutzt, zahlt er dort Zinssätze, die nahezu ununterbrochen zwischen neun und zehn Prozent pro Jahr liegen. An dieser Zinsspanne hält seine Bank seit immerhin schon mehr als drei Jahren konsequent fest. Hinzu kommen saftige Überziehungszinsen von sechs Prozent, die K. naturgemäß immer dann zusätzlich zahlen muss, wenn das Kreditlimit von 150.000 Euro vorübergehend nicht ausreicht. Wenn dies der Fall ist, telefoniert sein Buchhalter mit dem zuständigen Bankmitarbeiter, der bisher weitgehend komplikationslos "grünes Licht" für die jeweils tageweise erfolgende Kontoüberziehung gab.

Erhebliche Zinskosten

Eine solche "Liquidität auf Zuruf" ist für K. letztlich zwar kostspielig, aber eben auch äußerst bequem. Seit dem letzten Gespräch mit seinem Steuerberater zeigen sich bei K. mittlerweile aber Zweifel, ob die tatsächlichen Kosten durch diese Bequemlichkeit auch aufgewogen werden: Neben den "normalen" Überziehungszinsen des vergangenen Jahres von rund 13.000 Euro kamen knapp weitere 2.000 Euro Überziehungszinsen hinzu. Ganz zu schweigen von den Darlehenszinsen (im Durchschnitt liegen diese bei sieben Prozent) von etwa 50.000 Euro im Jahr. Im Ergebnis beträgt die letztjährige Gesamtbelastung an Kreditzinsen also 65.000 Euro. Durch die auf Grund der Wirtschafts- und Finanzkrise zurückgegangenen Erträge fällt es K. jetzt nicht mehr wie in den Vorjahren relativ leicht, diesen Kostenfaktor einfach hinzunehmen. Er bat daher um ein Gespräch mit seiner Hausbank, der örtlichen Sparkasse, um dieses Thema zu problematisieren und um nach einer tragfähigen Lösung zu suchen.

Überraschend negatives Rating

Dieses Gespräch, das vor einigen Wochen stattfand, hatte es in sich und nahm schließlich noch dazu einen überraschenden Verlauf. Im Mittelpunkt standen zwar zunächst die Zinskosten – schnell wurde aber beiden Seiten klar, dass das Problem weitaus tiefer liegt als ursprünglich gedacht. Eher beiläufig wurde nämlich seitens des Steuerberaters die Frage gestellt, mit welcher Ratingnote K. von der Sparkasse überhaupt beurteilt wird. Immerhin, so argumentierte er, "müsse sich doch eine akzeptable Ratingnote (von der sowohl K. als auch sein Steuerberater bisher offensichtlich ausgingen) im jeweiligen Kreditzinssatz widerspiegeln". Die Antwort des Sparkassenmitarbeiters war dann allerdings alles andere als erfreulich, als er die Ratingnote von "zwölf" nannte und damit auch die Zinssatzhöhe begründete.

Zur Erklärung: Das Ratingsystem dieser Hausbank enthält Ratingstufen von eins bis 18. Mit einer "Zwölf" bewegt sich K. damit in einem für ihn nicht ungefährlichen Bereich, der bei einer "Stabilisierung" auf diesem Niveau wenige Chancen für zukünftig verbesserte Zinssätze zulässt. Mehr noch: Kämen schlechtere betriebswirtschaftliche Zahlen seines Unternehmens mit einer in der Folge damit verbundenen weiteren Abstufung seines Ratings hinzu, wäre selbst die Gewährung weiterer Kredite in Gefahr. Nach der ersten Überraschung machten K. und sein Steuerberater deutlich, dass sie diese Information bereits viel früher erwartet hätten. Durch das Schweigen der Bank ist immerhin der nachhaltige Eindruck entstanden, dass "alles in bester Ordnung" sei. Diesen Vorwurf konterte wiederum der Sparkassenmitarbeiter mehr oder weniger lapidar mit dem aber nicht zu leugnenden Hinweis, dass es auf Seiten seines Hauses "niemals ernsthafte Probleme bei der Bereitstellung von Krediten auch außerhalb der bestehenden Kreditlinien" gegeben habe. Damit bezog er sich natürlich auf die erwähnten regelmäßigen Überziehungen des Geschäftskontos über das Kreditlimit von 150.000 Euro hinaus.

Wichtiger Beurteilungsgrund

Ebenso interessant waren in diesem Zusammenhang die dann folgenden Ausführungen des Bankmitarbeiters, als er die konkreten Gründe für das für K. und seinen Steuerberater überraschend unbefriedigende Rating nannte. Es handelte sich nämlich um die Art der Kontoführung durch K., die einerseits durch die Sparkasse zwar toleriert wurde, die andererseits aber eben auch im unterdurchschnittlichen Rating zum Ausdruck kommt. Bei diesen Kritikpunkten geht es im Einzelnen um die

  • - nahezu ununterbrochene Ausnutzung des Kreditlimits von 150.000 Euro,
  • mehr oder weniger regelmäßigen, wenn auch von der Sparkasse geduldeten Überziehungen über dieses Kreditlimit hinaus,
  • durch die Bank nicht erkennbare Bereitschaft von K., zumindest einen Teil des Kreditlimits schrittweise zurückzuführen. Immerhin wurde diese Problematik vom Kreditinstitut in der Vergangenheit diverse Male angesprochen.

Dennoch räumte der Kundenberater für die derzeitige Situation zumindest eine "gewisse Mitverantwortung" ein. Die Bank hätte in der Vergangenheit in der Tat deutlicher machen müssen, dass eine derartige Kontoführung Einfluss in das betriebliche Rating hat. Da sich aber offensichtlich weder K. noch die Bank bisher um eine entsprechende Transparenz und Vermittlung des Ratings bemühten, ist das jetzt festgestellte Ergebnis für beide Seiten eben alles andere als zufriedenstellend. Als Sofortmaßnahme wird es nun ein kurzfristiges Gespräch geben, an dem neben K. und seinem Steuerberater der schon beim ersten Gespräch anwesende Sparkassenmitarbeiter sowie ein Bilanzanalyst der Hausbank teilnehmen. Dieser wird detailliert auf das Rating mit seinen wichtigen Faktoren eingehen und K. konkrete Verbesserungsmöglichkeiten innerhalb seines Betriebes aufzeigen. Damit soll dieser in die Lage versetzt werden, sein Rating und letztlich auch seine Kreditkonditionen mittelfristig zu verbessern.

Bonität: Wie wichtig "harte" Faktoren sind

Neben "weichen" Faktoren, die im Wesentlichen die Unternehmensführung der Inhaber beschreiben, bilden die "harten" Faktoren vor allem die wirtschaftlichen Rahmendaten des Unternehmens ab. Dabei ist die Gewichtung der harten Faktoren meist höher als jene der weichen Faktoren (Quote je nach Kreditinstitut meist 60 zu 40). Zunehmend ins Gewicht fallen bei den harten Faktoren offenbar die Kontoführung des Unternehmers und damit dessen kurzfristige Liquiditätsplanung. Manche Banken sprechen hier von "Harten Faktoren II". Da dieser Zusammenhang bei Betriebsinhabern häufig nicht bekannt ist, sollte er bei den Ratingbesprechungen ebenfalls thematisiert werden.

Autor:Michael Vetter



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